Kalender 2012 mit Bildern des blinden Fotografen Evgen Bavčar

Dieses Jahr haben die Ludwigsburger Schlossfestspiele mit den fantastischen Bildern Evgen Bavčars einen Wandkalender für das Jahr 2012 gestaltet.
Der Klappentext verrät einiges über die Arbeitsweise Evgen Bavčars und die Entsstehungsgeschichte des Kalenders.

DER BLINDE HAT DEN STRENGEREN BLICK:
THOMAS WÖRDEHOFF ÜBER EVGEN BAVČARS ARBEIT

Der slowenische Fotograf Evgen Bavčar hat im Jahr 2011 für die Ludwigsburger  Schlossfestspiele seinen Blick auf das Ludwigsburger Residenzschloss festgehalten. Ein ganz besonderer, außergewöhnlicher Blick ist das, weil Evgen Bavčar blind ist. Seine Fotos des Schlosses begleiteten in den Programmheften die komplette Festspielsaison 2011. Die eindrucksvollsten sind nun in diesem Kalender vereint. Der europaweit tätige Fotokünstler, der heute in Paris lebt und arbeitet, wird während seiner Fotosessions von Assistenten unterstützt, bevorzugt von Kindern. Für seine Ludwigsburger Aufnahmen begleitete ihn unter anderem Thomas Wördehoff, der den Streifzug mit Evgen Bavčar durch das Residenzschloss Ludwigburg  folgendermaßen beschreibt:

»Es ist nicht alltäglich, dass ein Blinder Fotos macht. Ich verfolge Evgens Arbeiten seit vielen Jahren, aber nie war mir das Verfahren seiner Kunst klar geworden. Warum er sich ausgerechnet der Fotografie widmet, hatte mir immer eingeleuchtet. Es muss eine Art Trotz sein, der gleiche Trotz, der ihn dazu gebracht hatte, über Ästhetik zu promovieren – nur mit solchen Strategien wird eine derart gravierende Behinderung inexistent. Bavčar erblindete im Alter von zwölf Jahren innerhalb weniger Monate auf beiden Augen. Sofort nach der Schule nahm er in Ljubljana das Studium der Philosophie und Geschichte auf, ein Studium, das er 1976 an der Sorbonne abschloss. Seither arbeitet er als Literat und Fotograf und in Uwe Schmitz-Gielsdorfs und meiner Startsaison 2010 war er Eröffnungsredner der Ludwigsburger Schlossfestspiele.
Am 25. Oktober 2010 begleitete ich Evgen Bavčar spät abends ins Ludwigsburger Schloss. Bald standen wir in einem langen Saal mit vielen Gemälden, Vasen und Kristall-Lüstern, der Ahnengalerie. Nachts ein beeindruckendes Schauspiel. Von außen fallen die orangefarbenen Lichtkegel durch die riesigen Fenster und verleihen dieser schier endlosen Halle mit ihren gravitätischen Bildern eine geheimnisvolle Gleichmäßigkeit. »Was seht ihr?«, fragte Evgen Bavčar in die Runde, als er seine Kamera auspackte.
Langes Schweigen.
Was soll ich schon sehen? Lüster, Ölgemälde, wertvolle Vasen. Mehr nicht? Dem Blinden gegenüber spürt man eine andere Verpflichtung zur Präzision. Der Blinde hat den strengeren Blick. Er drängt den Sehenden zum genauen, neugierigen, aber auch subjektiven Bericht. Er fordert die Welt. Er fordert Leidenschaft. Er fordert das Gegenüber. Er fordert einen Raum, den wir längst aufgegeben haben.«

DIE KINDHEIT – DAS LAND UNSERER MÖGLICHKEITEN:
EVGEN BAVČARS BLICKWINKEL

Die Festspielsaison 2010 eröffnete Evgen Bavčar mit seiner Rede »Die Kindheit – das Land unserer Möglichkeiten«. Ein kurzer Auszug aus der Rede verrät viel über Evgen Bavčars Persönlichkeit und Arbeit:

»Ich will nicht verheimlichen, dass in mir nicht nur ein Kind lebt, das die Wunder der Welt, ihre Schönheit und ihr Licht früher sah, sondern auch ein vor der Zeit erwachsen gewordener Mensch. Ein Schicksalsschlag hat mich im Alter von zwölf Jahren meiner unbekümmerten Kindheit entrissen. [...]
Denke ich an mein Leben, kann ich als Erwachsener sprechen, als derjenige, der nicht mehr sieht, doch kann ich das Wort auch als Kind an Sie richten und so diese zwei Sichtweisen auf die Welt in mir vereinen. Die Sichtweise von demjenigen in mir, den es zwar nicht mehr gibt, der aber noch immer die Lichtspur aus seiner Kindheit in sich trägt, und die Sichtweise von demjenigen, der sein Augenlicht verloren hat. Auf diese Weise wird mein Leben zum Zauberspiegel der gegenwärtigen Wirklichkeiten, der es ungeachtet dieser immerwährenden Nacht vermag, das eine oder andere schwache Licht herauszufiltern.  [...] Durch meinen Wunsch zu sehen, scheint die Welt meiner Kindheit immer wieder in meiner Fantasie auf. Und ich versichere Ihnen, dass ich gesehen habe und weiter sehen werde solange ich Kind bleiben kann. Die Kindheit ist wie eine Sonne, die im Osten aufgeht: Solange wir ihre Schlafgewohnheiten nicht kennen, können wir auch nicht genau sagen, wo sie untergeht. Ich glaube, dass es für uns Erwachsene, wie es in einem slowenischen Märchen heißt, immer ein neuntes Königreich gibt, nämlich das Land der Träume: Dank seiner können wir noch immer mit der Unschuld von Kindern Lieder schmettern und Musik hören.«

Aus dem Französischen von lnes Koebel

Wir danken Ulrich Krüger und den Mitarbeitern des Residenzschlosses Ludwigsburg für die freundliche Unterstützung.

Der Kalender ist im neuen Jahr für 12 € in unserem Kartenbüro sowie im Shop auf unserer Website erhältlich.

Ebenfalls verkauft wird der Kalender in der Schubart Buchhandlung in Ludwigsburg.

Über Ludwigsburger Schlossfestspiele

www.schlossfestspiele.de
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