Wenn ich jetzt hier an meinem Schreibtisch sitze, den Festival-Kalender vor mir liegen habe, kann ich kaum glauben, wie die Zeit seit dem Eröffnungskonzert am 20. Mai verflogen ist. Für mich war es als Volontärin die erste und vorerst auch die letzte Saison bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen.
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Die ersten Gänsehaut-Momente
An diesem Freitag, den 20. Mai, war für mich noch vollkommen ungewiss, wie die nächsten zwei einhalb Monate ablaufen werden. Den Spielplan hatte ich, nachdem ich mich seit Januar damit beschäftigt hatte, zwar fast auswendig im Kopf, doch es blieb die große Unbekannte, wie das ganze in der Umsetzung aussehen würde.
Als ich dann an diesem 20. Mai im Forum saß und mich bei Strawinskys Feuervogel und bei den Reflections on »Saudades do Brasil« von Alegre Correa und seinen Bandkollegen erstmals das wohlige Gänsehaut-Gefühl überkam, wusste ich, dass die kommenden zwei Monate zwar arbeitsintensiv, aber auch von vielen solchen Momenten geprägt sein würde.
So ging es am darauffolgenden Tag mit »Los pájaros perdidos« weiter. Meine Kollegin aus dem künstlerischen Betriebsbüro und ich, die wir beide einen Hang zu Südamerika haben, konnten uns oben auf der Empore des Ordenssaals stehend, ein paar Samba-Schritte nicht verkneifen. Der Start in die Saison war perfekt gelungen.
Die Chance auf völlig Neues
In der Woche darauf folgte das Projekt »American Roots« mit dem Jazz-Gitarristen Bill Frisell und dem Singer-Songwriter Sam Amidon. Dabei wurde mir erstmals bewusst, welche Chance mir dieses Festival geben würde: mit Kunstformen, mit Musik, mit Projekten konfrontiert zu werden, mit denen ich mich sonst nie beschäftigt hätte. Wo kommt man den schon mit den Wurzeln amerikanischer Musik in Berührung?
Ein weiterer persönlicher Höhepunkt war sicherlich »Stimme für Stimme« am 29. Mai. Erst gegen 23.00 Uhr, nach der Aufführung der Brandenburgischen Konzerte im Ordenssaal, fand ich Zeit mich in die Ordenskapelle zu setzen und Thomas Tallis’ Motette zu lauschen, die von Terry Wey und Ulfried Staber in einer achtstündigen Performance aufgeführt und aufgezeichnet wurde. Das Gefühl in diesem malerischen Raum zu sitzen und diese beeindruckenden Klänge, die aus allen Ecken strömten, auf sich wirken zu lassen, brachte mich nach einem langen Arbeitstag in kürzester Zeit zur Ruhe – Augen schließen, tief durchatmen und sich des Moments bewusst sein.
Konversationen und stille Momente
Die Woche darauf stand ein Projekt an, auf das ich mich besonders gefreut hatte – die »Song Conversations«. An allen drei Abenden mit Paolo Fresu, Nguyên Lê und Gianmaria Testa lauschte ich im Ordenssaal den musikalischen Unterhaltungen und jeder Abend machte Lust auf den nächsten. Der Abend mit Gianmaria Testas italienischem Charme und Nguyên Lês hingebungsvolles Gitarrenspiel sollten bis zum Saisonende einer meiner persönlichen Höhepunkte bleiben.
Zugang zu einer völlig anderen Musik bot mir dann Matthias Goernes und Alexander Schmalczs »Nacht und Träume«. Wie die beiden in einem großen Veranstaltungssaal wie dem Forum mit Liedern von Schubert eine so intime Atmosphäre schaffen konnten, sodass man sich ganz in der Musik verlor, hat mich beeindruckt.
Faszinierende Persönlichkeit
In einem Interview mit dem Regisseur Thomas Schadt und dem Schauspieler Thomas Thieme für das Programmbuch sprang für mich der Funke des Theaterstücks »Ich erfand Karl May« über. Als ich dadurch erstmals Genaueres über Karl Mays Biografie erfuhr, begann mich diese Figur zu interessieren. Für den Blog beschäftigte ich mich daraufhin intensiv mit seinem Lebenslauf und war bei meiner Recherche jeden Tag aufs neue von dieser Persönlichkeit fasziniert. Daraufhin war es spannend zu sehen, wie Regisseur Thomas Schadt und Schauspieler Thomas Thieme sein Leben auf der Bühne umsetzten und wie unterschiedlich man die Lebensaufzeichnungen dieses Menschen deuten konnte.
Das Verdi Requiem am 2. Juli war ein Konzert, auf das ich mich besonders gefreut hatte. Zu Recht. 160 Menschen führten auf der Bühne des Forums dieses gewaltige Werk auf, sodass man nach dem letzten Ton erst einmal tief durchatmen musste und glücklich war, dass man dies miterleben durfte.
Die Magie des Schlosstheaters
Die folgende Woche brachte eine weitere Premiere: Das Musiktheater Combattimento. Wann erlebt man schon einen ur-sizilianischen Puppenspieler zusammen mit einem der besten Alte-Musik-Ensembles und vier grandiosen Sängern auf einer Bühne?
Die Barockopern »Combattimento« und »Il Palazzo incantato«, das Theaterstück »Ich erfand Karl May« oder der Tanzabend »Pénombre« zeigten wie unglaublich wandelbar die Bühne des Schlosstheaters sein kann und wie sie einen immer wieder mühelos in die verschiedensten Welten entführen kann.
Sich verlieren
Mich für eineinhalb Stunden komplett verlieren, konnte ich auch im Tanzabend »Play« mit Sidi Larbi Cherkaoui und Shantala Shivalingappa. Der Abend war gefüllt mit Szenen, die mich zu tiefst berührten, Szenen, die wie aus dem eigenen Leben auf die Bühne übertragen schienen, intimste Momente hervorgerufen durch den Tanz zweier Hände, große mitreißende Bewegungen, ein Abend, der so kunstvoll und doch so lebensnah war.
Die letzte Festspielwoche brach dann mit »Musik in Ekstase« an. Es war bereichernd zu spüren, wie interessiert Musiker aus verschiedenen Genres, Ländern und Kulturen aneinander sein könnten und wie fruchtbar solche Begegnungen verlaufen können.
Die letzten großen Abenden
Das Großereignis der Saison stand dann am 23. Juli mit dem Klassik Open Air an. An diesem Tag herrschte eine besondere Dynamik, das Wetter, das uns die ganze Woche etwas Sorgen bereitet hatte, beschenkte uns am 23. Juli mit Sonnenschein, es beglückte die vielen zufriedenen Gesichter auf dem Gelände zu sehen und es war toll zu wissen, einen solchen Abend als Team geschaffen zu haben.
Mit dem Schlusskonzert gestern Abend wurde die Festspielsaison 2011 schließlich gebührend beendet: Kraftvoll, dynamisch, polarisierend, innovativ, beeindruckend, berührend.
Ich hoffe, ihr alle konntet wie ich in dieser Saison viele dieser eindrücklichen Momente erleben und kommt auch in den kommenden Festspielsaisonen in den Genuss. Über alle Erzählungen darüber auf dem Blog werde ich mich in Zukunft zwar nicht mehr als Autorin aber als treue Leserin freuen. Danke an alle für eine Saison, an die ich immer gern zurückdenken werde!
Katharina Ess